Auf Radarwache

So erkennen wir den wahren Kurs des fremden Schiffes (Teil 2)

Wie wir im ersten Teil gelesen haben, ist das Plotten der Schlüssel zum Verständnis dafür, was wir als Segler auf dem Radarmonitor wirklich erkennen können. Wir wissen bereits, wie Kollisionskurse oder ein drohender Nahbereich festzustellen sind. Nun geht es darum herauszufinden, wie sich das fremde Schiffe in Bezug auf unseren eigenen Kurs in der Realität nähert. Wer dies erkennen kann, beherrscht die wesentlichsten zwei Funktionen und kann das Radar für die Navigation nutzen.

Eine Zwischenbemerkung: Voraussetzung für eine sinnvolle Nutzung ist, dass das Radar eine ausreichende Antennenbreite von mindestens zwei Fuss besitzt. Die Antennenbreite entscheidet allein über die Auflösung; bei einer kleineren Antennenbreite kann das Gerät näher beieinander liegende Objekte oft nicht einzeln erkennen. Gemäss Kollisionsverhütungsregeln muss die Antennenbreite sogar mindestens 1,2 Meter betragen, ansonsten eine Kursänderung allein auf Grund der Radarbeobachtung nicht vorgenommen werden darf; das Schiff darf also nur die Fahrt verringern oder aufstoppen.

Plottingsheet als Hilfsmittel

Nun zu unserer Aufgabe: Wir haben erkannt, dass wir mit einem fremden Schiff auf Kollisionskurs sind und nehmen nun das Plottingsheet zu Hilfe. Das kann schlicht ein Blatt eines karierten Schreibblocks sein. Wir übertragen die alle sechs Minuten festgehaltenen Pips auf das Hilfsblatt (Siehe nebenstehende Skizzen). Nach zwölf Minuten hat unser eigenes Schiff bei sechs Knoten Fahrt, die Distanz von 1,2 Seemeilen zurückgelegt, was auf dem Blatt ebenfalls eingezeichnet wird. Unsere Fahrt muss durch Parallel-Versetzung auch auf das fremde Schiff angewendet werden (Siehe die parallele Verschiebung seiner relativen Bewegung auf den Skizzen). Achtung: Diese Versetzung hat nichts mit der wahren Geschwindigkeit des fremden Schiffes zu tun; sie zeigt bloss, wie sich das Radarbild mit unserem Boot mitbewegt, was von Auge nicht wahrgenommen werden kann, da das Radarbild ja wie festgeklebt wirkt. Die Verbindung der Eckpunkte ergibt die Achse Y, gleichbedeutend mit der wahren Bewegung des Schiffes.

Jetzt haben wir den gleichen Kenntnisstand wie bei der Deckspeilung eines sich annähernden Schiffes. Wir wissen, dass wir auf Kollisionskurs sind und wir wissen, wie sich das Schiff nähert. Das entsprechende Ausweichmanöver kann rechtzeitig eingeleitet werden (wie ausgewichen werden muss, steht in den Kollisionsverhütungs-regeln).

Ermittlung des exakten Kurses

Wer Übung im Plotten hat, wird mit dem Plottingsheet auch beim Head-up-Modus übrigens bald einmal selber herausfinden, wie er den exakten Kurs des fremden Schiffes berechnen kann. Mit dem Plottingsheet lässt sich die Head-up-Einstellung ja ohne weiteres auf North up verändern, indem das Plottingsheet einfach so lange gedreht wird, bis die Head-up-Linie mit dem rwKurs unserer Yacht übereinstimmt (Situation 3). Dieses etwas umständliche Drehen ist in der Praxis natürlich nicht nötig, es soll nur der Anschaulichkeit dienen. Wollen wir den exakten Kurs des sich annähernden Schiffes eruieren, so lesen wir diesen mit Hilfe des Navigationsdreiecks schlicht und einfach ab und addieren den rwKurs der eigenen Yacht hinzu.

Ein Wort zum Nahbereich.

Erkennen wir auf dem Monitor, dass ein Schiff in unseren Nahbereich (Umkreis von einer Seemeile) kommt, verhalten wir uns mit Vorteil so, wie wenn ein Kollisionskurs vorliegt. Ausweichen heisst die Devise, und zwar in jedem Fall. Die Geschwindigkeit des fremden Schiffes lässt sich mit dem Monitor und den festgehaltenen Zeitintervallen (sechs Minuten) übrigens leicht ausrechnen.

Ausser acht lassen wir die Betrachtung, in welchem Abstand ein fremdes Schiff unseren Kurs kreuzen wird, mit dem wir nicht auf Kollisionskurs sind und das auch nicht in unseren Nahbereich eindringen wird. Ich persönlich hatte zum Beispiel noch nie das Bedürfnis, den exakten Abstand zur Kurslinienquerung im voraus zu berechnen.

Volle Konzentration

Die Radarwache verlangt Konzentration und permanente Anwesenheit in der Navigation. Dabei versteht es sich von selbst, dass Radar- und Ruderwache Beobachtungen ständig untereinander austauschen.

Es ist sehr sinnvoll, sich mit Radar vertieft auseinanderzusetzen. Empfehlen kann ich das Buch „Skippertraining“ von Rolf Dreyer, erschienen im Delius-Klasing-Verlag (www.delius-klasing.de). Gelegentlich werden auch Kurse angeboten. (hed)


Situation 1 (Head up)
Der eigene Kurs beträgt 45 Grad, zeigt aber auf dem Monitor "nordwärts". Die Pips des fremden Schiffes wurden alle sechs Minuten direkt auf dem Monitor mit Fettstift festgehalten und zeigen den Kollisionskurs an. Anschliessend wurden sie auf ein Plottingsheet übertragen. In den verflossenen zwölf Minuten hat unser Schiff bei sechs Knoten Fahrt 1,2 Seemeilen zurückgelegt, das fremde Schiffes wird durch Parallel-Verschiebung mitgezogen. Die Achse X zeigt die relative Bewegung des Schiffes auf, Y die wahre Bewegung. Das Schiff kommt von Steuerbord in einem flachen Winkel auf uns zu. Auf Deck würden wir das Schiff bei ausreichender Sicht auf 135 Grad peilen.



Situation 2 (Head up)
Auch hier zeigen die Pips einen eindeutigen Kollisionskurs(X). Y weist die wahre Bewegung des Schiffes aus. Die Achse Y wurde wiederum durch Parallelverschiebung der selbst zurückgelegten Distanz ermittelt. Auf Deck bei guter Sicht wäre das Schiff auf 360 Grad zu peilen.

 

Situation 3 (Head up zu North up)
Das Plottingsheet von Situation 1 wurde auf den rw Kurs der eigenen Yacht gedreht, die ehemalige Head-up-Linie zeigt also nun den Kurs von 45 Grad an. Mit dem Kursdreieck kann der exakte Kurs des fremden Schiffes (Y-Achse) abgelesen werden. Er beträgt 345 Grad. Die rechnerische Lösung ist allerdings die zweckmässsigere (Siehe Beschreibung im Text.
 

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