SegelnÄhen im Sturmtief –
Durch das Bermuda-Dreieck Richtung Azoren
Von Heinz Ernst Daester
Die See war verdächtig ruhig. Lustlos flatterten die Segel im matten Mittagswind. Aus dem Norden rollte eine langgezogene Dünung heran. Irgendwo hoch droben in Neufundland musste ein Sturm getobt haben. Wir lagen mit unserem Segelboot 330 Seemeilen nordöstlich der Bermudas und erwarteten schweres Wetter.
Wir nutzten die Zeit. Die Genua wurde eingerollt. Dann schlugen wir am zweiten Vorstag die Fock an. Das Segel bändselten wir sorgfältig an der Steuerbordreling fest. Wir prüften alle Sicherheitsmittel und besprachen den Einsatz der Rettungsinsel. Unter Deck wurde alles weggestaut.
Der Himmel war bedeckt. Am Horizont zogen dräuende Wolken mit heftigen Regenschauern vorbei. Aus der Ferne betrachtet glichen sie mächtigen Bühnenvorhängen. Werner, der Mechaniker, und sein Namensvetter, ein Kaufmann, übernahmen die Wache. Jakob, der Skipper, hörte den neusten Wetterbericht der amerikanischen Küstenfunkstelle ab. Wir wussten, dass sich ein Unwetter zusammenbraute, aber noch verfügten wir über keine verlässlichen Prognosen für unsere Position und unseren Kurs. Ich wollte noch backen und begann den Teig zuzubereiten - frisches Brot belebt den Speisezettel.
Sternenhimmel und Korallenriffe
Wir schrieben den 6. April 1993. Vor elf Tagen waren wir morgens in Freeport auf Grand Bahama ausgelaufen. Die Insel gehört zum gleichnamigen Archipel und ist der Küste Floridas vorgelagert. Unser Ziel waren die 2700 Seemeilen entfernten Azoren, die wir innerhalb von vier Wochen erreichen wollten.
Der Kurs führte uns zuerst in südöstlicher Richtung durch den Northwest Providence Channel zur Südspitze der Insel Great Abaco, dann nordwärts der Ostküste entlang. Wir verbrachten die erste Nacht auf See. Die Sterne glitzerten am Firmament. Wetterleuchten begleitete uns und reger Schiffsverkehr. Um vier Uhr in der Früh kam Wind auf. Beim Reffen zerriss eine Bö die Leine. Der Wind schlief wieder ein. Die Flauten begannen sich zu dehnen. Unser Dieselvorrat schwand dahin. Wir entschlossen uns, in Marsh Harbour nachzutanken und eine neue Reffleine zu besorgen.
Die Einfahrt in die weitläufige Lagune war überwältigend. Vorsichtig navigierten wir über scharkantige Korallenriffe. Das Wasser schillerte in allen erdenklichen Blau- und Türkistönen. Gleissend stand die Sonne am wolkenlosen Himmel. Kurz nach Mittag liefen wir in der Conch-Inn-Marina von Marsh Harbour ein. Die ersten 150 Seemeilen lagen hinter uns. Wir feierten den Landgang mit Planters Punch und Bahamian Mamas.
Am nächsten Mittag verliessen wir den palmenbestandenen kleinen Ferienort und setzten unseren Kurs auf die Bermudas ab, die wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht anzulaufen gedachten. Wir hofften auf eine rasche Überfahrt, wohlwissend, dass die West-Ost-Passage um diese Jahreszeit nicht ohne Tücken war. Drei bis vier Windstärken aus Süd-Süd-Ost trieben uns mit fünf Knoten Geschwindigkeit hinaus in die Sargassosee. Wir waren guten Mutes. Ein stahlblauer Himmel wölbte sich über den Horizont. Die Sonne bräunte unsere bleichen Glieder.
Doch der Wind war launisch. Er schlief ein und wachte wieder auf, nur um uns kurze Zeit später wieder eine Flaute zu bescheren. Ein Zwischenstopp auf den Bermudas wurde unumgänglich; wir verbrauchten zuviel Treibstoff. Zudem war am Grosssegel eine Naht geplatzt, die wir in Ordnung bringen wollten.
Wir waren noch gut hundert Meilen von Saint George auf Bermuda entfernt, als der Wind erneut auffrischte. Die Nach brach herein. Die Sterne verschwanden hinter riesigen Schauerwolken. Es blies mit sechs Windstärken und eine steile, ruppige See schüttelte uns durch. Regen prasselte nieder, hin und wieder überspülten Brecher das Schiff. Es sollte ein Vorgeschmack dessen sein, was uns noch erwartete.
Unklare Prognosen
Eine traumhafte Einfahrt nach Saint George's Harbour entschädigte uns für die Unbill der vergangenen Nacht. Die pastellfarbenen Häuser leuchteten mit dem Wasser um die Wette, das seine Farbe wie ein Chamäleon wechselte. Gegen Mittag lagen wir fest. Nach einer kräftigen Mahlzeit machten wir das Schiff klar für die weitere Überfahrt.
Ausgeschlafen legten wir am nächsten Morgen ab und sagten dem gemütlichen Hafenstädtchen auf Wiedersehen. Nicht im Traum hätten wir daran gedacht, dass unser Abschiedswunsch rascher in Erfüllung gehen sollte, als uns lieb war. Die Azoren waren noch weit entfernt und wir hatten wertvolle Zeit verloren. Alle Mann an Deck also, Segel setzen, Kurs Nord-Ost. Mit sieben bis acht Knoten rauschten wir durch die tintenblaue See. Das Bugwasser spritzte. Die Herzen hüpften vor Freude.
Das Etmal am nächsten Mittag liess uns beinahe euphorisch werden. Über hundertachtzig Seemeilen hatten wir zurückgelegt. Der zweite Tag brachte ein Etmal von 130 Seemeilen. In unseren Gesichtern stand eine leichte Enttäuschung. Unser Ziel lag noch immer mehr als 1400 Seemeilen jenseits des Horizonts.
Der Wind begann alsbald zu drehen, von Nordwest auf Nord. Wir konnten unseren Kurs nicht halten und mussten südlicher laufen als vorgesehen. Dann sprang der Wind plötzlich um und blies nun aus Südost, mit zunehmender Stärke. Die See wurde rauh. Und unser Kurs lag nun zu weit nördlich.
Die Wetterprognosen prophezeiten uns ein kräftiges Tief, das sich von der amerikanischen Küste in Richtung der Bermudas verlagert hatte. Fortan suchten wir den Horizont noch aufmerksamer nach Wetterzeichen ab. Die Berichte der Küstenfunkstelle registrierten wir vorsichtshalber auf Band. Entscheidende Informationen blieben indessen unverständlich und es sollte noch eine Weile dauern, bis wir uns ein genaues Bild der Lage machen konnten.
Das Barometer zeigte einen konstanten Druck von 1014 Hektopascal. Das Zentrum des Tiefs lag folglich noch weit entfernt. Immerhin konnten wir dem Wetterbericht entnehmen, dass es sich südwestlich von uns befand, achteraus also, und sehr niedrige Luftdruckwerte aufwies. Das bedeutete Sturm. Vorerst aber schlief der Wind ein. Die See glättete sich und wurde bleiern. Nur die alte Dünung aus dem Norden rollte gemächlich unter unserem Schiff durch.
Riss im Grosssegel
Ein Frachter kreuzte unseren Kurs. Wir funkten ihn an und erbaten die aktuellsten Wetterinformationen, die uns der Funker bereitwillig durchgab. Seinen Ausführungen entnahmen wir, dass das Tief in unsere Richtung zog. Die Vorhersage lautete auf vierzig bis fünfzig Knoten Wind. Ein ausgewachsener Sturm braute sich zusammen.
Gegen Abend nahm der Wind auf fünf, dann auf sechs Beaufort zu. Regen fiel. Wir banden das dritte Reff ins Grosssegel und setzten die bereits angeschlagene Fock. Die Nacht wurde unwirtlich. Schauer prasselten nieder. Unsere Kleider wurden feucht, die Schlafsäcke klamm. Morgens um sechs Uhr riss bei Windstärke sechs das Grosssegel knapp oberhalb der dritten Reffreihe vom Achter- bis zum Vorliek durch. Entgeistert blickten wir auf den hässlichen Schlitz von mehr als zwei Metern Länge. Wir schlugen das Segel ab und verstauten es im Salon. An eine Reparatur war vorerst nicht zu denken.
Der Wind drehte gegen Osten und nahm weiter zu. Unseren Nordost-Kurs konnten wir nicht mehr halten. Wir wendeten und gingen auf Südkurs. Die Mittagsposition zeigte uns, dass wir innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden lediglich noch achtzig Seemeilen zum Ziel gutgemacht hatten. Eine mächtige See hatte sich aufgebaut. Böen jagten über die weissgeschäumten Wellenkämme. Gegen 13 Uhr massen wir neun Beaufort - der Sturm hatte uns gepackt. Der Wind heulte durch die Takellage. Die Wellenberge erreichten Höhen von sechs bis acht Meter, einzelne gar um die zehn Meter. Arglistige Kreuzseen begannen uns zu beuteln. Die Gischt flog waagrecht über das Wasser. Brecher fegten über das Deck und stiegen ins Cockpit ein. Wir wechselten uns jede halbe Stunde am Ruder ab, um Kräfte zu sparen.
Wir wendeten erneut und gingen zurück auf Nordkurs. Noch immer versuchten wir, Distanz zu den Azoren gutzumachen. Das Schiff steckte heftige Stösse ein.Jede Bewegung an und unter Deck verlangte Umsicht und war nur mit grosser Kraftanstrengung auszuführen. Bei besonders steilen Seen schlug der Rumpf jeweils mit einem Donnerschlag im Wellental auf. Wir ernährten uns von Getreide- und Schokoriegeln, die wir mit einem Schluck Mineralwasser hinunterspülten. Wer Freiwache hatte, verzog sich unverzüglich in die Koje. An Schlaf war jedoch nicht zu denken.
Am nächsten Mittag, wir schrieben den achten April, blies der Wind in unverminderter Stärke. Wiederum hatten wir nur knapp neunzig Seemeilen gewonnen. Wir lagen nun rund 500 Seemeilen nordöstlich der Bermudas. Das Zentrum des Sturms rückte näher.
Die Dämmerung wich einer stockdunklen Nacht. Die Wellen verschwanden hinter einem schwarzen Vorhang. Nur die brechenden weissen Wellenköpfe blitzten gespenstisch an der Luvseite auf. Der Wind hatte etwas zugelegt und wir tauschten die Fock gegen das Sturmsegel aus. Um Mitternacht hörte der Skipper den neusten Wetterbericht ab. Nun wussten wir, wie die Grosswetterlage aussah. Der Kern des Tiefs zog genau in unsere Richtung. Im Osten lag das Azorenhoch, das sich wie eine Barriere dem Tief entgegenstemmte. Für uns hiess das nichts Erfreuliches. Aus einem ausgewachsenen Sturm drohte ein orkanartiger Sturm zu werden, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 Knoten. Die Azoren waren ferner denn je.
Ostern auf See
Wir entschlossen uns, erst nach Nordwesten, später nach Westen abzulaufen.Wir halsten und gingen vor den Wind. Die Schiffsbewegungen wurden ruhiger, die Wellen blieben hoch; es waren kalte grüne Monster, die von achtern anrollten und dem Rudergänger alles abforderten. Wir nahmen uns nun das Grosssegel vor, das genäht werden musste. Garn, Nadel und der lederne Segelmacherhandschuh wurden hervorgeklaubt. Das Grosssegel musste gespannt werden, so dass die Kanten des Risses aneinander gelegt werden konnten. Wir nagelten dazu kurzerhand das Vorliek des Segels im Vorschiff an die Wand. Es wurde eine sehr anstrengende Arbeit. Die Nadel war nur mit grossem Kraftaufwand durch das dicke Segeltuch zu stechen. Die Bootsmannsnaht erforderte Geschick und Konzentration. Wir nähten einen Tag und eine Nacht. Nach fünfundzwanzig Stunden war es vollbracht. Trotz zusätzlich angebrachtem Tape blieb es eine Notreparatur; das Grosssegel würde nur noch für mässige Winde zu gebrauchen sein. Ohne Grosssegel hatten wir jedoch keine Aussicht, die Azoren in der uns noch zur Verfügung stehenden Zeit zu erreichen. Schweren Herzens entschlossen wir uns zur Rückkehr auf die Bermudas.
Der elfte April - Ostern. In einem Körbchen auf dem Salontisch lagen Schokoladeneier und ein Osterhase. Wir bereiteten uns ein üppiges Frühstück mit frisch gebackenem Zopf zu. Es war das Erste seit vier Tagen. Die Sonne stand prall am Himmel, kein Wölkchen in Sicht. Mit vollem Bauch genossen wir die Wärme. Ein herrlicher Morgen. Sieben Tage waren vergangen, seit wir in Saint George auf den Bermudas ausgelaufen waren.
Ein schöner Südoster brachte uns gut voran. Die Wachen waren erholsam. Doch die Freude währte nicht lange. Die Küstenfunkstelle vermeldete ein neues Sturmtief, das vom Golf von Mexiko herkommend Richtung Nordosten zog. Am Abendhimmel sahen wir die typischen Vorboten: Hohe Cirruswolken, die strahlenförmig aus dem Zentrum des Tiefs herausliefen und eine Sonne, die als gelblich-weisser Ball am Horizont unterging.
Am nächsten Morgen frischte es auf. Fünf, dann sechs Beaufort zeigte der Windmesser an. Das Barometer fiel. Am Abend wehte es mit sieben Windstärken. Dann riss die Fock entzwei. Erneut wurden die Nähutensilien hervorgeholt. Die Reparatur dauerte bis spät in die Nacht.
Der Wind drehte nach Westen und blies uns direkt auf die Nase. Noch fünfzig Seemeilen bis Saint George. Wir bargen die Segel und warfen die Maschine an. Eine letzte nasskalte Nacht auf See. Blitze zuckten überall am Horizont. Kurze steile Wellen bremsten unsere Fahrt. Ein heftiges Gewitter entlud sich direkt über uns. Dann sahen wir die Ansteuerungstonne vor der Einfahrt in die Bucht von Saint George. Es war geschafft. Am frühen Morgen gingen wir an der Zollpier längsseits und warteten, bis wir einklarieren konnten. Über zweitausend Seemeilen hatten wir zurückgelegt, meist fernab jeder Küste und die Azoren dennoch nicht zu Gesicht bekommen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
(© Heinz Ernst Daester. Alle Rechte vorbehalten)
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