Viele Inseln, viele Meilen
Kykladen, 8. bis 15. Juni 2002
Als wir die Alimos-Marina in Kalamaki kurz nach halb Zwölf Uhr verliessen, blies es mit zehn Knoten aus Südost. Ein Tiefdruckgebiet lag westlich von uns, also nicht die typische Meltemi-Lage mit einem Hitzetief über der östlichen Türkei und einem Hoch über dem Balkan, die uns den von manchen gefürchteten, meist aber einfach sehr sportlich zu segelnden Nordwind gebracht hätte. Zum Einsegeln und für das MOB-Manöver reichte es aus, nicht zuletzt dank unserer Yacht, eine gut laufende drei Jahre alte Feeling 486. Da wir am ersten Tag bereits Kithnos in den Kykladen erreichen wollten, mussten wir dann aber den Motor über einen guten Teil der Strecke zu Hilfe nehmen. Zwanzig Minuten vor Acht fiel der Anker in der Bucht Apokriosis. Noch blieb Zeit zu einem erfrischenden Bad in der Abendsonne. Mit Spaghetti all'pomodori und einem feinen Rotwein liessen wir den ersten Tag im Cockpit ausklingen..
Langer Schlag nach Amorgos
Am nächten Tag stand ein langer Schlag nach Amorgos an, der östlichste Punkt unseres Törns. Rund hundert Seemeilen lagen vor uns, für die erste Wache bedeutete dies, dass sie früh aus der Koje musste. Ueber Nacht blies der Südwester etwas frischer und so hatte sich an der Westseite von Kithnos ein recht kräftiger Schwell aufgebaut, der uns an Stelle einer Frühgymnastik gleich mal ordentlich durchschüttelte. Kein Hauch war zu spüren. Als wir die Nordspitze der Insel gerundet hatten, nahmen wir Kurs auf die Südspitze von Syros. Glutrot stand die Sonne über dem Horizont. Der Wetterbericht verhiess starken Nordwest, bei einem nach Osten ziehenden Korsika-Tief, das für uns ja bereits seit gestern wetterwirksam war. Nun, es ist kein Geheimnis, dass die Wetterprognosen der Griechen noch nicht ganz Topniveau erreicht haben. Wind gab es dann schon, aber von der sehr schwachen Sorte und ausserdem kam er aus südlichen Richtungen - was ja auch der Grosswetterlage entsprach. Wir motorten vorerst einmal bis der Wind auf West-Südwest drehte und dann doch immerhin auf zehn, zwölf Knoten auffrischte, was uns erlaubte zwischendurch die Segel zu setzen und dabei recht ordentlich Fahrt zu machen. Amorgos erreichten wir kurz vor sieben Uhr.
Starkwind, der nicht eintrifft
Erneut verhiess uns der Wetterbericht Starkwind aus Nordwest. Die Windrichtung stimmte dieses Mal und als eine erste Brise das eben gehisste Grosssegel kräftig killen liess zogen wir sicherheitshalber schon mal die Lifelines an - man weiss ja nie. Spannung lag in der Luft, aber nicht lange. Kaum hatten wir die Bucht von Katápola verlassen, wars schon vorbei. Die Eilande Keros, Skhoinoúsa und Káto Koufonisos zogen vorbei, später Naxos, dann etwas weiter im Norden Paros und Antiparos - von Starkwind keine Spur. Wenige Male setzten wir erwartungsfroh die Segel, nur um sie kurz darauf wieder enttäuscht zu streichen. Aeolus hielt seinen Windbeutel weiterhin gut verschlossen. In Kamarai auf Sifnos entschädigte uns ein herrliches Fischessen in einer lauschigen Taverne für die leeren Versprechungen der Meteo "greek style".
Da am nächsten Morgen via VHF kein Wetterbericht zu empfangen war, baten wir den Hafenmeister um Auskunft. Er trug eine eindrucksvolle Uniform. Seine Antwort kam kurz angebunden: Nord 6, schnarrte er. Allein der Tonfall verhiess eine Menge Wind. Kaum hatte er gesprochen, wandte er sich auch schon einer dringlicheren Angelegenheit zu. Weitere Fragen schienen ihm nicht genehm zu sein. Also raus aus der Amtsstube. Ein Mann, ein Wort! Es begann denn auch verheissungsvoll mit 16 Knoten aus Nord, später sogar bis 20 Knoten aufbrisend. Als wir den Einflussbereich des Kanals von Steno Sifnou mit seiner typischen Windverstärkung aber verliessen, fiel der schöne Nordwind zusammen. Von wegen Nord 6. Immerhin erhielt die Crew einen Eindruck, wie herrlich es sich bei einem handigen Meltemi segeln liesse. Gegen 21 Uhr erreichten wir nach einem langen Schlag zurück ans Festland die weite Bucht von Portokhelion im argolischen Golf.
Schöne Kreuzschläge
Flauten gehörten nun der Vergangenheit an. Konstant blies uns der Nordwind vier bis fünf, gelegentlich auch sechs Beaufort in die Tücher. Zu den fantastischen Küstenansichten gesellten sich nun noch sportliche Kreuzschläge auf unserer Reise nordwärts - vorbei an Hydra, durch die Meerenge von Poros, entlang der Insel Aegina und schliesslich zurück nach Athen.
| Zurückgelegte Seemeilen: 430. Die
Crew: Bruno Fahr, Pan Hegnauer, Hans Kunz, Anna-Dora und Werner Rutschmann. Der Skipper: Heinz Ernst Daester. Segelyacht Orizon, Feeling 486. |
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Gruppenbild in der Abendsonne von Poros mit (von links) Anna Rutschmann, Bruno Fahr, Werner Rutschmann, Pan Hegnauer und Hans Kunz (vorne). Foto: Heinz Daester.
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