Reise der Kontraste

Biskaya Nord, 16. bis 30. August 2003


Erfahrungen mit den unterschiedlichen Gewässern der Bretagne sammeln und dabei auch Einblicke gewinnen in das, was gleich hinter der Küstenlinie steckt – so war der Törn geplant. Er sollte uns von Port de Crouesty, unweit des Eingangs zum Golfe de Morbihan gelegen, zuerst nach Brest, dann nach Les Sables-d’Olonne und wieder nordwärts zum Ausgangspunkt führen. Dabei war auch ein langer Schlag über die Biskaya vorgesehen. Für alle Crewmitglieder mit Ausnahme des Skippers wurde es die erste Fahrt ohne Sicht zur Küste während einer Zeit von gut 20 Stunden. Wache gehen, Ruhen und sich der Backschaft annehmen – der Törn sollte neben ausgedehntem Küstensegeln auch einen ersten Kontakt zum Hochseesegeln vermitteln.

Berüchtigte Pointe du Raz

Über Port Tudy auf der Ile de Groix und Audierne St. Evette – wo wir beim Abendbrot im Cockpit stimmungsvolle Wolkenbilder bewundern konnten – erreichten wir Brest. Lange in Erinnerung bleiben dürfte vor allem der Schlag rund um die berühmt-berüchtigte Pointe du Raz Richtung Norden zur Reede von Brest. Zwischen dem oft fotografierten Leuchtturm der Pointe du Raz und der Ile de Sein treten Ströme von ausserordentlicher Stärke auf. Bei Wind gegen Tide können „Wellenbilder wie im Wildwasserfluss oder in der Waschmaschine“ entstehen, schrieb die Zeitschrift „Yacht“ in einem Bericht. Wir trafen nichts dergleichen an und passierten die Enge ohne Probleme. Selbstverständlich bei vorausberechnetem günstigem Tidenstand und unter Berücksichtigung der Windverhältnisse, denn jede Crew tut gut daran, die Warnrufe nicht in den Wind zu schlagen. Ein milder Nordwester nötigte uns kurz vor und nach der Durchfahrt zwar einige Kreuzschläge auf, ermöglichte ansonsten aber schönes Segeln der gemütlicheren Art. Die Küste zog uns dabei zunehmend in ihren Bann. Steil aufragend stellt sie sich der Westwinddrift und doch wirkte das Felsenband, das uns immer näher kam, je weiter wir nach Norden gelangten, eher zerbrechlich denn trutzig. Wir entdeckten seltsame Löcher und identifizierten sie als Bunker aus dem zweiten Weltkrieg.Die Reede von Brest war einst eine waffenstarrende Festung, was den deutschen Besatzern freilich nichts nützte. Die Stadt wurde aus der Luft dem Erdboden gleich gemacht und musste danach von Grund auf neu erbaut werden.

Es wurde Abend und die Sonne tauchte die Küste in rötlich-gelbes Licht. Der Wind hatte sich gelegt. Ruhig glitt unser Boot, vom Strom sanft geschoben, dahin. Ein Landfall zum Träumen. Gegen 20 Uhr erreichten wir den Sportboothafen von Brest. Der Hunger trieb uns gleich ins Marina eigene Restaurant mit dem sinnigen Namen „Le Tour du Monde“. Es war sehr gut besucht, die Stimmung ausgelassen. Serviert wurden ausschliesslich Muscheln, jedoch in diversen Variationen, und Bier in grossen Krügen. Es waren, wie wir übereinstimmend feststellten, die besten Muscheln, die wir je gegessen haben. Am nächsten Tag stand der Besuch der Hafenstadt auf dem Programm. Abends gegen zehn Uhr liefen wir wieder aus. Unser Ziel: Les Sables-d’Olonnes, Ausgangspunkt berühmter Hochseeregatten wie der Vendée Globe. Wir durchsegelten die Nacht, den folgenden Tag und auch noch die nächste Nacht, bis wir nach 160 Seemeilen am späten Vormittag die Leinen festmachten. Nach dem nördlichsten Etappenziel hatten wir nun in einem Schlag auch unser südlichstes erreicht.

Nordwärts zum Golfe de Morbihan

Die nächste Station unserer Reise hiess Ile d’Yeu, eine hübsche Insel von südländischem Charakter, für die wir uns zur Erkundigung einen Tag frei hielten. Danach ging es via Le Palais auf Belle Ile in den Golfe de Morbihan. Der Name bedeutet „das Meer dahinter“ und es ist in der Tat ein eigentliches Segelrevier für sich. Man müsste anfügen: ein Revier der Superlative. Zwei Mal im Tag wechselt es durch die Gezeiten sein Antlitz. Es ist mit einer Landschaft von so unterschiedlicher Ausprägung gesegnet, dass man zuweilen durch eine englisch anmutende Parklandschaft segelt, Gebirgsbäche hinab rauscht, entlang von flachen, Weiden bestandenen Ufern gleitet, nur um sich kurz danach in engen, Wald gesäumten Fahrwassern wiederzufinden. Austern-bänke liegen vor pittoresken Inseln. Starke Ströme, zahllose Untiefen und ein Gewirr von Seitenarmen - mit herrlichen Ankerplätzen übrigens - schrauben die Anforderungen an die Segler jedoch hoch und wer mit den Gezeiten noch nicht klar kommt, sollte sich den Golf für später aufheben. Der Wind stand uns günstig, und so gelang es uns, die rund elf Seemeilen messende Strecke vom Eingang zum Golf bei Port Navalo inklusive verschiedener Stromschnellen bis vor die Drehbrücke bei Vannes ausschliesslich unter Segel zurück zu legen. Ein eindrückliches Erlebnis mit herausfordernder Navigation auf Sicht und andauerndem Halsen und Segeltrimm. Nach Vannes erkundigten wir auch noch den Rivière d’Aurey bevor der Weg uns schliesslich wieder zurück nach Port de Crouesty führte

Zurückgelegte Seemeilen: 508. Die Crew: Karin Siegenthaler, Beat Hausherr, Crispin Derungs, Philippe Chappuis, Marlene Daester. Der Skipper: Heinz Ernst Daester. Segelyacht Paarl, Océanis 44 CC.

Biskaya Crew

Zu Tisch gebeten: Die Biskaya-Crew.

auf dem Weg nach Aurey
Auf dem Weg nach Aurey im Golf von Morbihan.

Unterwegs beim Segeln
Unterwegs nach Vannes am Ende des Golfes von Morbihan.

Brest
Brest - im Hintergrund die berühmte Hebebrücke.

Beat beim Teig kneten
Der Bordbäcker an der Arbeit.

Mit dem Fahrrad
Ausflug per Fahrrad auf der Ile d'Yeu.

Zeit für den Apéro
Zeit für den Apéro.

Abendstimmung
Abendstimmung bei Audierne.

 

 

 

 

 

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